Effektiver Altruismus NICHT effektiv?

Grundsätzlich müsste mir als Mathematiker der effektive Altruismus doch hervorragend gefallen. Endlich mal eine sachliche Herangehensweise die versucht ein Maß auf unsere altruistische Wirkung zu legen. Und Messbarkeit führt schließlich dazu, dass wir optimieren können — oder?

Ich war letzte Woche bei einem Vortrag an der Uni der den effektiven Altruismus (EA) vorgestellt hat. Der Vortrag war leider nicht sonderlich gut, aber zum Glück hatte ich Interesse an dem Thema was ihn dann trotzdem spannend gemacht hat, auch wenn ich viel in eigenen Gedanken war. Für den Leser der das Prinzip des effektiven Altruismus nicht kennt: es geht darum Gutes zu tun und zwar effektiv! Das heißt also zum Beispiel, anstatt an eine Organisation zu spenden, die vielleicht etwas chaotisch betrieben wird und entsprechend viele Kosten in administrativem Tätigkeiten entstehen, wird dann lieber an ein Prachtexemplar von NGO gespendet, die nachweislich mit Geldbetrag X maximal viel Gutes tut, z.B. Menschenleben rettet. Ein anderes Beispiel das sich aus der Theorie entwickelt: Wenn ich Hedgefonds Manager bin, mich aber selber gerne aktiv engagieren möchte, sollte ich lieber Hedgefonds Manager bleiben und stattdessen einen Anteil meines Gelds spenden und wäre damit effektiver im Sinne „Gutes“ tun. Oder wenn man jetzt die Schulbildung in Afrika fördern möchte, dann investiert man anstatt in den Aufbau von Schulen oder Anschaffung von Textbüchern lieber in die kostengünstige Entwurmung da diese häufig eine höhere Korrelation mit dem kumulierten Schulerfolg aufweist und effizient ist. Diese wissenschaftliche Herangehensweise soll also zur Maximierung deines möglichen Impacts führen.

Fairtrade ist nicht effektiv.

Also, das Prinzip gefällt mir natürlich erst mal super. Dass das vernünftig klingt kann man erstmal schwer abstreiten. Wie das mit einer Theorie natürlich ist, baut sie auf ein paar Grundprinzipien auf aus denen man verschiedene Sachen ableiten kann. Eine dieser Ableitungen über die wir hier sprechen wollen wäre: „kauf nicht Fairtrade und spende stattdessen!“ In der Theorie des effektiven Altruismus folgt diese Aussage, indem man „berechnet“, dass eine gutüberlegte Spende effektiver ist als Fairtrade-zertifizierte Produkte zu kaufen. Ich setze „berechnen“ in Anführungsstriche, da hier natürlich mehrere Faktoren mitspielen. Unsere Resultate werden allgemeingültiger sein als nur der Bezug auf das Fairtrade Beispiel.

Wahrscheinlich ist jedem Leser in verschiedem Maße bewusst, dass für die billigen, massenproduzierten Produkte aus Lebensmittel oder Fast Fashion Discountern gelitten und ausgenutzt wird. Das bezieht sich jetzt hier vor allem auf Menschen, die ernten oder nähen, aber auch auf Tiere die für Fleisch, Milch oder Leder genutzt werden. Wenn billigst hergestellt wird, wird aber auch wenig Geld für (ökologisch) nachhaltige Produktion in die Hand genommen, was auch zu verschiedenen Implikationen auf Müllberge und Schadstoffausstoße führt. Dass es also einige Gründe gibt, das nicht zu unterstützen ist wohl jedem klar. Jetzt kommt der EA daher und sagt folgendes: anstatt in dieser Woche fair einzukaufen, kaufe billigst ein und spende die Differenz an einen Zweck der mindestens Effizienzgrad x% hat. Das sei effektiver.

Für mich hört sich das erstmal etwas scheiße an. Das heißt ich werde gezwungen etwas zu unterstützen das ich absolut verabscheue? Man könnte jetzt erwidern, einfach die Differenz zu spenden und trotzdem fair einzukaufen, um dem schlechten Gewissen zu entkommen. Nunja, es bleibt der gleiche mathematische Grundsatz: du hättest dein Geld immer noch effektiver einsetzen können.

Diese Effektivität die hier beworben wird führt für mich zu verschiedenen Problemen. Hier ein paar verschiedene Richtungen in die das gehen kann:

  1. Abstumpfung. Durch das nicht-Auseinandersetzen mit der Herkunft der Produkte distanziert man sich ggf. von dem Guten das man tut.
  2. Schwindende Freude. Sich täglich bewusst für die Unterstützung tier- und menschenrechtsloser Zustände zu entscheiden hat definitiv psychologische Auswirkungen. Der Mensch tut Gutes, weil er sich gut fühlen will.
  3. Mangelnde Konsumverantwortlichkeit. Unsere Konsumgesellschaft wird unter anderem von billigen Preisen gefördert. Ein Entscheid billig einzukaufen im Wohle der höheren Effektivität könnte im weniger reflektierten Nachdenken ausarten (was brauche ich denn eigentlich wirklich?) und somit im höheren unnötigen Konsum. Mir selber fällt das häufig auf, dass ich gerne in Fairtradeläden einkaufen gehe und dann länger nachdenke was ich eigentlich brauche. Schönes Beispiel dass das teilweise auch unbewusst passieren kann, sind auch alle „Fleischesser“ die mit ihrem Aldi-Salami Brötchen in der Hand sagen, dass sie ja auch lieber seltener Fleisch essen und dafür nur vom Metzger.
  4. Wirtschaftlicher Einfluss. Ein grundlegendes Prinzip aus der Wirtschaft das jeder schon mal gehört hat, ist das von Angebot und Nachfrage. Dort wo Nachfrage ist, entwickelt sich ein Markt. Jeder einzelne hat die Macht hier was zu ändern. Denn die Gesellschaft besteht aus jedem einzelnen. Ein Unternehmen in der Wirtschaft möchte Profit schlagen und bewegt sich somit in die Richtung in der Nachfrage gesehen wird. Heißt: man hat die Macht mit seinem Konsum zu bestimmen in welche Richtung zukünftig gewirtschaftet werden soll — zum Beispiel mit Nachhaltigkeit und Fairness.
  5. Ideologische Unterstützung. Im Gegensatz zum letzten Punkt meine ich hier den Verlust der konkreten Unterstützung von Unternehmen mit denen man ideologisch sympathisiert. Um den Unterschied zu dem vorherigen Punkt klarzumachen betrachte man zum Beispiel Discounter die Fairtrade Bananen anbietet oder den Billigfleischanbieter der vegane Produkte anbietet. Eine gewisse Effektivität (im Sinne des Gesamtguten) ist dem nicht abzustreiten, wobei durch den Kauf dieser Produkt immer noch der Discounter, bzw. Billigfleischanbieter unterstützt wird. Mit ein bisschen wirtschaftlichem Denken kommt man allerdings schnell drauf, dass junge wirtschaftlich agierende Unternehmen die Produkte anbieten, eigentlich immer teurer starten müssen und somit größere Schwierigkeiten haben können in einen Markt einzusteigen. Gründe für die höhere Preisgestaltung kommen von vielen Seiten, wie Infrastrukturen oder Transportwege die noch nicht weit genug entwickelt sind (sowas kann man meistens nicht von Anfang an schaffen), aber auch dass die Größe eines Unternehmens (die am Anfang noch nicht vorhanden ist) mehr Macht und Spielraum (Beispiel: auslagern <-> selbst herstellen) in Preisfragen ermöglicht. (Nicht ganz passend aber vielleicht hilfreich zum Verständnis ist das Stichwort Mengenrabatt.) Wie kann aber ein Unternehmen diese Position erreichen/unterstützen und somit einen Markteinfluss nehmen? Richtig, in dem die Produkte gekauft werden.

Mitbestimmung der Zukunft

So und nun gelangen wir zu der eigentlichen Grundidee dieses Artikels. Die oben genannten Punkte haben alle einen langfristigen Effekt und leisten deswegen einen nicht beachteten Beitrag zur Effektivität. Zum Beispiel: Freude am täglichen Unterstützen => einfach durchzuziehen/dranzubleiben (Diät vs. Ernährungsstil); Wirtschaftlicher Einfluss => langfristige Entwicklung der Märkte und deren Belieferer im Sinne der Nachhaltigkeit und Fairness; Ideologische Unterstützung => Ermöglichung der Konkurrenzfähigkeit nachhaltiger und fairer Unternehmen am Markt. Und Fast Fashion Industrien, Billigfleischindustrien, (…) das alles sind riesige Märkte. Da sag doch einer es wäre bei einer langfristigen Verschiebung dieser Märkte kein Effekt zu sehen (beim EA denkt man auch an „zukünftige“ Menschen).

Nun das heißt gemessen an dem ausgegebenen Euro und dem direkten Impact ist die Empfehlung und Ableitung gemäß dem EA sicherlich richtig. Misst man die Effektivität jedoch am („ausgegebenem“) Leben eines einzelnen und am langfristigen Impact, so würde ich diese Empfehlungen nicht mehr als so glamourös bezeichnen.

Also, das Ziel des EA ist es ja genau den Gesamt Impact deines Lebens zu maximieren, da wir nun endlich viele Ressourcen an Zeit und Geld haben. Hier könnte man durchaus einen Widerspruch in seiner Empfehlung feststellen. Nunja, das behaupte ich jetzt erstmal, nachgerechnet habe ich das natürlich nicht. Das Nachrechnen würde sich natürlich relativ schwer gestalten, da die oben genannten Argumente alle relativ „handwavy“ sind und schwierig messbar sind, da sie viele potenzielle Entwicklungen mitberücksichtigen. Diese Messbarkeit ist allerdings grundlegend für den EA, was also Annahmen und Vereinfachungen für die Rechnungen und Entstehung der Formeln legitimiert, jedoch ist die Vereinfachung die Zukunft in obigen Sinne zu ignorieren eine zu große, vor allem wenn „Zukunft“ und „empfindende Lebewesen“ in der Zukunft auch grundlegend in der Philosophie des EA sind.

TL;DR

Wenn du also glücklich damit bist einige Produkte die dir wichtig sind und als ausnehmerisch bekannt sind lieber fair und nachhaltig einkaufst, so sollst du dich ab jetzt (nach meiner Meinung) nicht mehr schlecht fühlen wenn ein EA vorbeikommt und dir sagt, dass du mehr Einfluss haben könntest. Bewahre dir das gute Gefühl das du dabei empfindest und forme die Zukunft.

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