Was Du mit Diversität in Tech zu tun hast

Dieser Artikel wurde viral. Als ich merkte dass der Artikel auf dem Weg zur Viralität war und sich jetzt wahrscheinlich viele wahrscheinlich Gedanken machen über seine Ergebnisse würden, wollte ich meine Gedanken dazu schreiben und hatte sie damals auf FB veröffentlicht. Ich hatte in dem Text eine Meinung vertreten und ein paar Standpunkte genannt, die ich in den zahlreichen Kommentaren immer noch nicht finden kann. Deswegen, und weil Diverstität in Tech ein allgemein spannendes und wichtiges Thema ist, möchte ich hier noch mal darüber reden.

Frauen schneiden objektiv schlechter ab (!?)

Wenn Du den Artikel nicht gelesen hast: es geht darum, dass mit technischen Hilfsmittel das Geschlecht des Bewerbers bei einem tech-Vorstellungsgespräch geändert wurde. Da es sich um ein telefonisches Gespräch hielt, wo lediglich Bildschirm und Code übertragen wurden, reichte es also die Stimme umzumodulieren. Die die-Feministen-schockierenden Ergebnisse:

„Frauen schneiden schlechter bei Tech Bewerbungsgesprächen ab, selbst nachdem ihre Stimme in eine Männerstimme verändert wurde.“

Aha, das würde ggf. implizieren, dass es keinen „bias“ des Interviewers gibt, eigentlich etwas Gutes oder? Als tragischere Implikation wird der „Schuld-Ball“ zu den Frauen rübergespielt. Es geht aber noch weiter:

„Frauen tendieren eher dazu die Bewerbungsplattform nach einem negativen Bewerbungsgespräch zu verlassen.“

Es ist also die Schuld der Frauen…

Der Artikel bringt das in Verbindung mit einer Studie die den Effekt von Selbstwahrnehmung auf Performance untersucht (ein super Ansatz von den Autoren, den sie meiner Meinung nach mehr hätten verfolgen sollen) und folgern letztendlich

„Eher geht es also darum, dass Frauen schlecht darin sind sich den Staub von den Schultern zu klopfen nachdem sie gefallen sind, aber das, nichtsdestotrotz und immerhin, einfacher zu lösen ist.“

…und das ist was Gutes?

Die Autoren folgern also, dass es keinen systemischen Bias gibt und dass der Grund warum sich Frauen ihre Tech-Wünsche nicht erfüllen können allein bei den Frauen liegt, weil sie „schlecht“ in etwas sind, etwa der mangelnden Persistenz. Aaaaalso gibt es nichts das man tun kann (abgesehen von der „leichten Lösung“ die sie vorschlagen). War’s das?

Als ich damals den Artikel las, hatte ich zuvor in der gleichen Woche ein Gespräch mit Birgitta Böckeler, nachdem sie einen interessanten Vortrag über Diversität in Tech gehalten hatte. Ihre Argumente (Zusammenfassung: Born for IT auf Martin Fowler’s Website) widersprechen dem obigen Arikel in keinster Weise, sondern verstärken seine Studienergebnisse. Und das fand ich direkt interessant: denn wenn eine Studie (die im obigen Artikel) vielen Meinungen und als gegeben empfundenen Wahrheiten widerspricht, und das tut er (wurde wahrscheinlich teilweise deswegen auch viral), dann lenkt das den Fokus zunächst auf existierende Argumente welche die neuen Ergebnisse unterstützen und somit dem Konsens widersprechen.

Mindset, Gesellschaft und Kultur

Birgitta‘s Ansatz ist fast schon evolutionärer Natur: es geht darum wie die Geschichte (teilweise aktiv durch HR) den generischen idealen Programmierer geformt hat und wie dieses Bild noch heute sehr präsent ist. Vor allem in den Köpfen der Menschen die nicht in dieses Bild passen, aber vielleicht gerne Coder werden wollen. Das beeinflusst (trotz der lächerlichen Geschichte dahinter, vgl. IBM PAT in „Born for it„) Studenten und potenziell werdende Programmierer bis zu dem Punkt dass sie aufgeben und das nur weil sie sich als schlechter für diesen professionellen Werdegang veranlagt empfinden, als „all die ganzen anderen die das machen“.

„Das passierte nicht nur Frauen. Aber sie hat es besonders stark beeinflusst, da sie sowieso schon als Teil einer Minderheit herausstachen, und sich unter ‚Beobachtung‘ und ‚Druck‘ fühlen sich zu beweisen.“

Mikroaggressionen und Diverstität in Tech

Ich schätze meine Interpretation oder Erklärung des zitierten Artikels ist wie folgt: Interviewer versuchen bei der Bewertung in Bewerbungsgesprächen (aktiv) objektiv zu bleiben und das gelingt ihnen anscheinend gut. Die problematischen Effekte kommen jedoch von dem täglichen Prägen des Stereotyps eines Programmierers. Das soll heißen, dass wir eine ausschließende Verwendung von „Geek“ haben. Diese ist tief in den Köpfen von den Bewerbenden gespeichert und wird als Statement täglich durch repetitive „Mikroaggressionen“ von der Gesellschaft bestärkt. Tatsächlich geht es also um einen unbewussten Teil der Kommunikation und kommunizierte Vorurteile und dies kann in einer Bewerbungsgesprächsituation durch aktive Analyse und Training ausfaktorisiert werden. Somit ließen sich also die Ergebnisse der Bewerbungsgespräche erklären und auch der Ablauf eines typischen Lebenszyklus einer Kundin auf dieser Plattform, insbesondere die höheren Raten beim Ausscheiden.

Was Du tun solltest

Falls diese Beobachtungen auch nur teilweise zutreffend sind, dann gibt es hier ein gefährliches Teufelskreispotenzial. Das oben beschriebene Mindset, und die Mikroaggresionen die damit einhergehen, können den Anteil der aufgebenden Frauen erhöhen, das wirkt sich wiederum auf die Gender-Landschaft aus und das Mindset oder das typische Bild wird verstärkt. Aber genau dieser Faktor, das allseits präsente Mindset und dessen Kommunikation u.a. durch Mikroaggressionen, ist etwas das von allen mitgeprägt und mitgetragen wird. Folglich ist es auch die Aufgabe von jeder einzelnen Person sich über ihre (verbal aber auch nicht-verbal) kommunizierten Ansichten hat und die ihre Macht die damit kommt bewusst zu sein und daran zu arbeiten.

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